„Wer hat heute etwas Neues gelernt?“ Alle Hände gehen hoch. „Wem hat der Tag heute etwas für die Zukunft gebracht?“ Fast alle Hände gehen hoch. „Wem hat es heute Spaß gemacht?“ Lautes Johlen füllt den Saal der Realschule Sidonien in Braunschweig. Die Klassen des achten Jahrgangs haben ihr Fazit gezogen. Die Respekt Coaches Christina Schmidt, Anna Schlickwei, Lea Simon und Sandra Klenner des Jugendmigrationsdienstes (JMD) Braunschweig, getragen vom Caritasverband Braunschweig e. V., sowie die Referierenden Andru und Emily Rose König haben an diesem Tag einen Unterschied für die Schüler*innen gemacht, an den sie sich erinnern werden.
„Kein Kind macht Probleme, wenn es nicht selber welche erlebt hat“
Pünktlich zur ersten Stunde geht es los: Die Schüler*innen nehmen verschlafen auf ihren Stühlen Platz, die passenderweise schon in Kinoformation aufgestellt sind. Der erste Kontakt an diesem Tag ist ein ausdrucksstarkes Video, ein bebilderter Poetry-Slam, der von Jugendlichen verfasst wurde. Das eindringliche Fazit: „Kein Kind macht Probleme, wenn es nicht selber welche erlebt hat.“ Der Sprecher: Andru König, einer der beiden Referierenden dieses Tages, der nach der Schlussblende des 90-Sekünders scherzhaft sagt: „Okay, das war‘s!“, und nicht mit der Schlagfertigkeit seines Publikums gerechnet hat: „Haha, dürfen wir dann gehen?“ So ist das Eis schon mal gebrochen.
Andrus Schwester, Emily Rose König, die vielen Jugendlichen bereits aus der TV-Show „The Voice of Germany“ bekannt ist, begrüßt die Schüler*innen mit einer Gesangseinlage. Es folgt das eigentliche Kennenlernen, bei dem beide Referierenden von ihrer Realität als People of Color berichten, wie Rassismus und Mobbing auch über ihre Schulzeiten hinaus Thema waren und wie sie beide auf ihre eigenen Arten und Weisen in die Selbstwirksamkeit kamen und nun mit ihren Stimmen dagegenhalten: Andru als langjähriges Mitglied des Jugendparlaments Salzgitter und Emily Rose als Sängerin, die nicht müde wird, ihre wichtigen Botschaften gegen Diskriminierung und für ein Miteinander durch ihr künstlerisches Wirken in den Vordergrund zu stellen.
Durch Interaktion und Identifikation werden die Achtklässler*innen an das Thema herangeführt. „Wer hat schon einmal bei sich oder in seinem Umfeld Diskriminierung erlebt? Hebt bitte eure Ja- oder Nein-Karte.“, fordert Andru die Jugendlichen auf. Nach zwei Stunden inhaltlichen Tiefgangs haben die Schüler*innen Vieles zum Ursprung von Rassismus, zu verschiedenen Gewaltformen und Mikroaggressionen gelernt.
Empowerment durch Gemeinschaft
Ab der dritten Stunde wird es aktiv: Emily Rose erarbeitet mit einer Gruppe eine Choreografie zu ihrem Song „Good Day“, unterstützt von Respekt Coach Sandra Klenner, die mit ein paar Atem- und Lockerungsübungen die Gruppe zusätzlich munter macht. Munter ist es tatsächlich, denn während die Choreo erdacht und ertanzt wird, wird viel gelacht. In der Pause teilen die Schülerinnen ihre Begeisterung darüber, gemeinsam in einer so guten Energie zu sein, kreativ und unterstützend zu arbeiten. „Es bringt auch was gegen Diskriminierung. Denn wir schaffen etwas gemeinsam und sind mutig, weil wir es ja auch aufführen. Wir sind hier auch eine Community, könnte man sagen.“, fasst es eine Schülerin zusammen. „Und außerdem haben wir die Message!“, ergänzt ihre Freundin und bezieht sich auf den Songtext. Denn als Teil der Choreo singt ein Duo aus einer Schülerin und Emily Rose:
„It‘s a good day to be different.
It‘s a good day to show love.“
Was hat Diskriminierung mit mir zu tun?
Währenddessen taucht Referent Andru mit der anderen Gruppe in die Welt des Poetry Slams ein, begleitet von Respekt Coach Lea Simon. Andru gibt Impulse für den Inhalt: „Wenn die Story Diskriminierung ist, fragt euch, was seht ihr in eurem Alltag? Auf dem Weg zur Schule, in der Nachbarschaft, im Einkaufszentrum.“ Die Schüler*innen diskutieren, sammeln Ideen und probieren sich aus. Manche benötigen nur einen kleinen Zettel, andere füllen Seiten, um auszudrücken, was sie zu sagen haben. „Bei mir geht es um Mobbing, da habe ich selbst was erlebt“, teilt eine Schülerin, „und ich werde es auch vortragen.“
Das ist mutig und genau darum geht es. Eine Botschaft kreativ in die Welt zu bringen. Eine, die die Welt ein kleines bisschen besser macht, zum Nachdenken und Handeln anregt – oder zum Aufhören anstößt. Denn die Erfahrungen dieser Achtklässler*innen erstrecken sich über viele Formen der Diskriminierung. Sie verfassen Texte über Rassismus, sexualisierte Diskriminierung und Mobbing. Viele nutzen das Angebot, sich mal richtig leer zu schreiben.
Vom Workshop in die Welt
Auf die intensive Workshop-Phase folgt ein offenes Pausenhofkonzert, in dem Emily Rose Songs performt und Poetry-Videos zeigt, um auch die anderen Schulklassen mit ins Thema zu holen. Anschließend stehen die Abschlusspräsentationen der Choreografinnen und Poetry Slammer auf dem Plan. Einige Sätze aus dem Beitrag einer Schülerin, die nachhaltig hängen bleiben:
Gleichberechtigung kostet nichts (…)
Jeder Mensch hat dieselben Rechte, das kann man weder ändern noch verneinen (…)
Von außen sind wir unterschiedlich, aber von innen sind wir alle gleich.
Während viele den Fokus auf das „Gleichsein“ legen, kontrastiert ein Schüler in seinem Beitrag:
Der eine kann gut kochen. Der andere nicht.
Der eine mag gern Fußball. Der andere nicht. (…)
Wir haben Unterschiede.
Wir sind nicht alle gleich und das ist gut so.
Zahlreiche Schüler*innen lassen sich im Anschluss Autogramme von den Königs geben und auch Selfies dürfen nicht fehlen. Offensichtlich war die Besetzung der Referierenden als charismatische und nahbare Personen gut gewählt – sie drangen zu den Jugendlichen durch, wurden vielleicht sogar Vorbilder für sie.
Gemeinsam mit den Respekt Coaches, die die Schüler*innen aufmerksam begleiteten und für einen reibungslosen Ablauf sorgten, wurde es für die jungen Menschen nicht nur ein „good day“, sondern ein Tag, der ihren Blick auf und den eigenen Umgang mit Diskriminierung nachhaltig verändert.
Ein Beitrag von: Servicebüro Jugendmigrationsdienste